Wöchentliche Streifzüge mit Boris Kochan & Freund·innen rund um den Wandel in Gesellschaft & Kultur, Unternehmen & Organisa­tionen.

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ei8ht days a week – Streifzüge durch den Wandel

mit Boris Kochan und Freunden am 3. Dezember 2023

 
 

{% if data:du_version:"" %}[[data:du_version]],{% elseif data:anrede == "Herr" %}Lieber Herr [[data:lastname]],{% elseif data:anrede == "Frau" %} Liebe Frau [[data:lastname]],{% else %}Sehr geehrte Damen und Herren,{% endif %}

»ohne Fotografie würden Massaker nicht existieren. Ohne Druck auf Politikerinnen und Politiker kann man nichts verändern.« Der Satz stammt von Bernard Kouchner, einem der Gründer von Ärzte ohne Grenzen. Was aber passiert, wenn Fotos nicht mehr von Menschen aufgenommen, sondern nur noch per Texteingabe in KI-Programmen generiert werden? In einem lesenswerten Beitrag für das Online-Magazin ReVue hat sich der emeritierte Dekan des International Centers of Photography (ICP), Fred Ritchin, mit dem Kontrollverlust generell und der Ent-Menschlichung des Fotografischen beschäftigt: Synthetische Bildsprache ist ausgerechnet – oder vielleicht auch gerade deswegen – »in einer Ära des Postfaktischen und der Fake News entstanden, in der das Tatsächliche zunehmend irrelevant ist.« Eine schwere Hypothek für die Verbesserung der Welt …

         Auch wenn »fotografische Repräsentation« immer fragmentarisch ist – »ein Teil einer Sekunde in einem viereckigen Rahmen« –, verführt sie dazu, sich das größere Ganze vorzustellen. Was aber wird daraus, wenn die Bilder AI-washed sind und so nicht mehr als »belastbarer Beweis« dienen können? Verkommt Fotografie nicht zur bloßen Meinungsäußerung, wenn sie ihren (eben auch) dokumentarischen Charakter verliert? Plötzlich ist sie »explizit subjektiv« – ist »keine Fotografie mehr – zumindest nicht im journalistischen oder dokumentarischen Sinne«.

         Während der Corona-Zeit hatte der Zukunftsforscher Matthias Horx noch davon geschrieben, dass aus der gemeinsamen Erfahrung eines »massiven Kontrollverlust« plötzlich »ein regelrechter Rausch des Positiven«, ja, ein Neuanfang wird. Diese Hoffnung hat sich mittlerweile komplett relativiert, Kriege und Inflation, KI, Klimakrise und Sprachkampf spalten die Gesellschaft. Immer wieder kommt diese Frage: Stehst Du auf der einen oder anderen Seite? Einwandfreie Haltungen sind gefragt …  Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist übergroß – das Nachdenkliche, die Grauzone haben kaum eine Chance.
          Und so entschwindet das von Horx so eindrucksvoll und hoffnungsfroh beschriebene Bild der Solidarität der auf Balkonen musizierenden und singenden Menschen. Vielleicht sollten wir es genau deswegen machen, gerade jetzt, im Winter: Auf die Balkone, auf die Straße gehen und singen!

Ich wünsche einen zuversichtlichen Sonntag!
Boris Kochan

 

»What will it mean to exist outside systems of control – while inside the embrace of others?« Das Zitat stammt vom in Brooklyn lebenden Nat Pyper, der/die sich der vielfach gewohnten Zuordnung zwischen Mann und Frau verweigert. Er/sie nennt sich »an alphabet artist« … seine/ihre Arbeiten hinterfragen die Eindeutigkeit des Selbst, geben dem Verlust von Kontrolle überraschenden Raum: »Sometimes I say that I use language as a sieve and I push the body through it.«

 

Wie angekündigt, erscheint 8daw aktuell äußerst unregelmäßig, weit entfernt vom eigenen Anspruch, sich wöchentlich auf Streifzüge durch den Wandel zu begeben. Dies wird auch wegen der anhaltenden anderweitigen Aktivitäten und Notwendigkeiten des Redaktionsteams (und insbesondere von mir) bis zur 8daw-Winterpause ab 23. Dezember 2023 so bleiben. Im Hintergrund arbeiten wir aber daran, dass wir im kommenden Jahr wieder verlässlicher werden … in welcher Form auch immer.

 

1912 hat Marcel Duchamp mit seinem Versuch, Bewegung in einem einzigen Bild darzustellen, Kunstgeschichte geschrieben. In seinem Akt, Treppe heruntersteigend, hat er die Bewegung seines Models in einzelne Phasen aufgelöst und von links nach rechts sukzessive übereinandergeschichtet und ineinander verschachtelt, um so die Dimension der Zeitlichkeit einzufangen. Ein später Nachfolger Duchamps ist der in New York lebende Designer und Künstler Anton Repponen. Auch ihm geht es um Bewegung und um Zeit. Allerdings dreht er dabei noch einmal kräftig an der Komplexitätsschraube, denn er tut dies auf der Grundlage einer (zugegebenermaßen nicht ganz einfach nachvollziehbaren) Aussage der Relativitätstheorie, derzufolge ein ruhender Beobachter, mit Blick auf eine Uhr, die er bei sich hat, eine andere Uhr, die sich bewegt, als langsamer tickend beobachtet. Ziemlich verwirrend das Ganze, aber gleichwohl vielfach experimentell bestätigt. Um diese Relativität der Zeit geht es Repponen, wenn er aus Fotografien einzelne Bildelemente digital herauspräpariert, diese Bildelemente dann so lange horizontal dehnt, bis streifenförmige Strukturen entstehen, die er dann dem ursprünglichen Bild überlagert. Was in der Beschreibung reichlich abstrakt klingt, wird bei Betrachtung seiner Bilder unmittelbar nachvollziehbar, als verschiedene, einander überlagernde Zeitstrukturen. Und so ist der Titel seines Projekts Time Stretched (gedehnte Zeit) auch trefflich gewählt.


 

 
Außer Kontrolle
 

In einem gleichermaßen hochdifferenzierten wie empathischen Interview im japanischen Fernsehen äußerte sich kürzlich der israelische Historiker Yuval Noah Harari zum Israel-Krieg. Dabei kam er (bei Minute 26:40) auch darauf zu sprechen, dass in vielen Teilen der Welt der Ruf nach Mauern und Grenzen lauter werde. Aber wir bräuchten vielmehr, so Harari, eine Mauer zwischen mind and mouth. Gerade weil wir keine Kontrolle über Gedanken und Emotionen haben, die unwillkürlich in uns aufsteigen, müssen wir umso genauer unsere Worte prüfen – also kontrollieren, was wir sagen und schreiben, insbesondere in den sozialen Medien. Ohne die Hoffnung auf eine bessere Zukunft fahren zu lassen, spricht Harari hier implizit davon, was geschieht, wenn Hass, Angst und das Gefühl ohnmächtiger Frustration ungehindert die Reflexionsschwelle passieren: Kontrollverlust – der Verlust der bewussten Steuerung und Beherrschung des Denkens und Handelns, so die gängige Beschreibung, an dessen Ende eben auch grauenhafte Exzesse wider die Zivilisation stehen können.

Illustration von Martina Wember:

Von den vielen und vielfältigen Gründen für Kontrollverluste sei in Anlehnung an Hararis bewegende Ausführungen einer herausgegriffen, zu dessen Verständnis die Schriftstellerin Daniela Dröscher in einem Artikel in der ZEIT eine Spur gelegt hat. Dröscher beschreibt darin ihr Ringen um die eigene Identität vor dem Hintergrund ihrer Herkunft: Für die Weigerung, »meine Herkunft anzuerkennen«, schreibt sie, »habe ich einen hohen Preis bezahlt, nämlich den Preis der politischen Ohnmacht«. Und weiter: »Wer ein unklares, gespaltenes Verhältnis zur eigenen Herkunft hat, der empfindet sich eher nicht als ein handlungsfähiges Subjekt der Geschichte.« Handlungsfähige Subjekte im Sinne Dröschers sind selbstbestimmte Menschen. Freilich gehört essenziell zur Selbstbestimmtheit die Freiheit gegenüber restriktiven politischen und gesellschaftlichen Zwängen. 

Illustration von Martina Wember:

Um Selbstbestimmtheit umfassend zu erlangen, bedarf es aber auch des Blicks auf die eigene Herkunft, braucht es Selbstreflexion. Zur Freiheit gehört – in gewisser Weise – auch die Freiheit von sich selbst, von all dem diffus Gefühligen, das einen treibt. Wer sich mit sich selbst beschäftigt, wird auch auf eigene Widersprüche stoßen, die es mit sich selbst auszuhandeln oder schlicht auszuhalten gilt. 

Das aber wirkt auch auf das eigene Denken über die großen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge zurück, vervollständigt es erst zu einem Ganzen, das nicht fern und abstrakt bleibt, sondern das je eigene Sein mit einbezieht. Als ein Sein, das sich nicht dem eigenen Anteil am Gewicht der Welt verweigert, um es mit Peter Sloterdijk zu sagen. 

Und doch bleibt bei dieser Feststellung auch ein flaues Gefühl zurück, denn solch kritische Selbstreflexion kann nur schwer gedeihen, wenn diese eigene Existenz eine zutiefst Bedrohte ist. [um]

 

Der Medienwissenschaftler Michael Seemann hat eine weitere Definition von Kontrollverlust geliefert, in der seine medientheoretische Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungen die zentrale Rolle spielt. Demnach entsteht ein Kontrollverlust, »wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.« Was Seemann hier für die Welt der Daten konstatiert, hat 30 Jahre zuvor der Soziologe Peter Gros für die von ihm erstmals so genannte Multioptionsgesellschaft festgestellt. Sein Lob der Fülle und die Warnung vor der Überfülle hat die NZZ in diesem Artikel nachgezeichnet.


 

 
»Und nun komm, du alter Besen«
 

Illustration von Martina Wember:

»Die Welt hat sich verflüssigt«, sagt der Autor, Historiker und Übersetzer Philipp Blohm auf Deutschlandfunk Kultur im Mai 2019. »Was gestern noch solide schien, ist längst in Bewegung geraten und was gestern noch unvorstellbar weit weg war, kommt heute direkt zu uns. Die Klimakatastrophe, die sich immer deutlicher manifestiert, erfasst alle Kontinente. Finanz- und Warenströme sind längst global und unentwirrbar verzahnt; religiöse und rassistische Terroristen inspirieren einander übers Internet vom Irak über die USA bis nach Neuseeland.« Wie in Goethes Ballade vom eitlen Zauberlehrling, der des Meisters Besen unter seinen Willen zwingen will, lässt sich die Kontrolle über die einmal gerufenen Geister nicht einfach wiederherstellen.

In einer Flüssigen Welt wächst die Sehnsucht nach »Ordnung, man könnte sagen (...) einem übersteigerten Willen nach Ordnung, nach Reinheit, nach aufgeräumten Gemeinschaften, geprägt von einem Glauben an die Technik, an die Rationalität, an die Möglichkeit der Kontrolle der Natur, an das arbeitsteilige Regelwerk der Bürokratie,« schreibt der Soziologe Zygmunt-Bauman, Vater der Flüssigen Moderne schon vor 20 Jahren. Es ist der Ruf nach den starken Herrschern, nach einfacher Eindeutigkeit, der die AfD in Deutschland und Autokratien in aller Welt befördert.

Illustration von Martina Wember:

Dabei wirken Logik, Rationalität, Hierarchie, Kontrolle in einer schwappenden, rasenden, entfesselten Welt weder stabilisierend noch heilend. Anstelle einer Gegenbewegung ins Starre, Verfestigte, wäre es durchaus menschenmöglich, das eigene Spielfeld größer zu fassen: Die Kontrolle loszulassen, der Emotion Raum zu geben, zwischen Gewissheit und Ungewissheit hin und her zu schwimmen, sich auf unscharfe Grenzen und Widersprüchlichkeiten einzulassen. Friedrich Nietzsche schreibt in Jenseits von Gut und Böse: »Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte (lat. absolutus, das Absolute) gehört in die Pathologie.« [gw]

 

Die Kontrolle zu verlieren, kann Angst machen, aber auch befreiend wirken – im Leben wie in der Kunst. Im jungen 20. Jahrhundert tauschen die Surrealisten um André Breton ihren heroischen Schöpferwillen gegen Zufall, Spiel, Spontanität und Automation. Jackson Pollock tropft seine Drip Paintings in die Kunstszene, Yves Klein druckt in seinen Malereien mit lebenden Pinseln bemalte Frauenkörper auf Leinwand ab und Arnulf Rainer überzieht seine Fotografien mit entfesseltem Furor. Als Instrumente der Komposition Water Walk von John Cage agieren beispielsweise Badewanne, Spielzeugfisch, Schnellkochtopf, fünf Radios, ein Flügel... Und Yoko Ono überlässt sich in der Performance Cut Piece völlig passiv einer Situation, in der sie das Publikum auffordert, kleine Stücke ihrer Kleidung abzuschneiden. Ohne Macht ist das nicht.


 

 
Wider die Verblendung
 

Der Gemeinplatz, dass es mehr als 1.000 Worte sage, bezichtigt das Bild der Geschwätzigkeit – und wer würde einem Schwätzer schon trauen? Gegenüber Bildern sind die meisten Menschen jedoch sehr vertrauensselig, weshalb Malerei über Jahrhunderte das Mittel der Wahl war, wenn Herrschende – seien es Kirche, König und Staat – ihre Macht präsentieren und überliefern wollten: Bilder sind selbst für Analphabeten lesbar, sie wecken Emotionen und bleiben im Gedächtnis. Und die Bildschaffenden, die Künstler, waren leicht zu kontrollieren und zu korrumpieren in ihrer materiellen Abhängigkeit von den Reichen. Insofern hat es durchaus eine politische Komponente im Sinne einer Demokratisierung der Bildwelt, dass das Aufkommen der Fotografie nicht nur eine größere Bildverbreitung ermöglichte, sondern auch die Basis der Bildschaffenden erweiterte, was sie weitgehend der staatlichen Kontrolle entzieht. Inzwischen ist jeder des Fotografierens mächtig.

Illustration von Martina Wember:

Und noch etwas hat sich verändert: Ostkreuz-Fotograf Maurice Weiß sieht es so, dass es für die heutigen Politiker keine Macht mehr bedeutet, fotografiert zu werden, sondern im Gegenteil Kontrollverlust. »Die Deutungshoheit ihrer Person wird an eine Gruppe Menschen übergeben, zu der sie keine Beziehung haben.« Wobei der Einfluss des Fotografen auf das Motiv und die Kontextualisierung eine ebenso große Rolle spielen wie die möglicherweise ideologisch verbrämte Bildrezeption durch die Betrachtenden. Von den technischen Bildmanipulationen, die heute problemlos machbar sind, ganz zu schweigen.

Illustration von Martina Wember:

Inzwischen hat sich das Fachgebiet der Bildforensik etabliert, um den bewusst manipulativen Einsatz von Bildern zu enthüllen, indem einerseits auf Integrität, andererseits auf Authentizität geprüft wird – also: auf Eingriffe in die Bilddatei als solche und auf Zugehörigkeit zum vorgeblichen Kontext. Im Alltag jedoch stehen uns diese Analysemethoden nicht zur Verfügung, sind wir den auf uns einstürmenden Bildern hilflos ausgeliefert  – obwohl es für eine funktionierende Demokratie so wichtig wäre, dass Menschen die Fakten beurteilen können, mit denen sie gefüttert werden, alleine schon durch das Bewusstsein, dass ein Abbild immer perspektivisch und gestalterisch konstruiert ist. »Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird,« so hatte schon Walter Benjamin in seiner Kleinen Geschichte der Photographie zitiert, »der Analphabet der Zukunft sein.« Der Satz ist bemerkenswert alt, inzwischen sind wir längst in der Zukunft angekommen. [sib]


 

 
Kalender
Ein Abend zu Ehren von Jost Hochuli
 

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag des Buchgestalters und Typografen Jost Hochuli – dem wir bereits eine ganze 8daw-Ausgabe gewidmet haben –, hatte Boris Kochan die Ehre, am 10. November 2023 bei der Tÿpo St. Gallen einen Überraschungsbeitrag zu leisten. Bei einem kleinen Mailwechsel zwischen beiden entstand einige Monate vorher die Idee zu einer (sprachlichen) Typo-Suppe – in Erinnerung an die von unserem Herausgeber und Chefredakteur mit großer Leidenschaft zubereiteten Mitternachtssuppen bei den Symposien der typografischen gesellschaft austria in Raabs.

 
 

Vielleicht, lieber Jost, sollten wir zuerst über Erotik reden. Und nicht über Suppe …

Auch wenn eine gut gemacht Suppe ähnlich einfach, ähnlich reduziert … und zugleich komplex ist wie die Werke, über die hier heute schon viel geredet wurde. Ist doch – beispielsweise – eine gute Gemüsebouillon ein kleines Zauberwerk in sich. Sie will balanciert sein.

Dazu gehören Grundzutaten: Ohne Lauch, Zwiebeln, Karotten, Sellerie und Pastinaken – kurz Wurzelgemüse – geht gar nichts. Ich bin dann auch noch ein großer Fan von Ingwer, Petersilienwurzeln und Meerrettich –, aber Achtung. Vom Ingwer darf es viel sein, doch die Senföle im Meerrettich sind beißend und übertönen ganz schnell alles andere. In der richtigen Menge verwendet, gleichen sie hingegen das manchmal sonst allzu Füllige und allzu Eindeutige, das gelegentlich sogar Grasig-grüne der Gemüse aus.

Bevor wir anfangen zu würzen, sollten wir mit Pilzen Tiefe gewinnen … und entscheiden, welches und wie viel des verwendeten Gemüses angebraten wird. Um mit diesen Röstaromen Struktur zu gewinnen. Natürlich sind Nelken und Wacholder, Petersilie, Thymian und ein wenig Tomatenschale (Säure!!) hilfreich, um die Gemüsebouillon komplex und einzigartig zu machen. Ich – und da bin ich mir wahrhaftig nicht mit vielen Suppenköchen einig – liebe auch das Angießen mit Weißwein und vor allem auch etwas Sternanis darin –, aber ich mag nun mal auch hausgemachten Pastis. Der ist nicht jedermanns Sache … wie vielleicht auch diese Allegorie auf die Kunst der Buchgestaltung sich Nicht-Köchen nur begrenzt erschließt.

In einem Mailwechsel vor einiger Zeit hatte ich Jost leichtsinnig eine Art Typo-Suppe für heute versprochen – nun ist es eine Gemüsebouillon geworden. Mit Grundzutaten wie Format, Satzspiegel, Raster und Papierwahl, mit den notwendigen Entscheidungen wie Schriftwahl, Zeilenabstand, Laufweite und Auszeichnungen. Mit der Fähigkeit, gekonnt die Balance herzustellen und dann – ganz leise lächelnd – mit einer kleinen Prise Chili Einzigartigkeit herzustellen.

Warum nun aber wollte ich eigentlich eingangs über Erotik reden? Weil natürlich dieses Objekt unserer Begierde (sic!), dieses vom Gedanken zum Werk gewordene Objekt so viel mehr Potenzial hat als jedwede Suppe. Im Gegensatz zum Nahrungsmittel ist es nicht flüchtig, ich kann es mitnehmen, im Bett lesen, ich kann es verschenken. Und ich kann es mit Händen fühlen … Ich muss hier in diesem Kreis nichts sagen über das Schaudern, wenn die Finger über das Papier fahren, über das Glücksgefühl, wenn das Aufschlagen nicht nur das Werk öffnet, sondern gleich ein ganzes Kapitel. Jedes gut gestaltete Buch, jedes von Dir gestaltete Buch, hat etwas von jener Faustischen halbverhüllten Sinnlichkeit, die ganz viel zeigt, aber eben nicht alles. Und genau so das Erotischste ist, was möglich ist.

Du hast einmal Deine Verwunderung ausgedrückt über Typografen, die sich allzu häufig nicht um die Sprache zu kümmern scheinen: »obwohl doch Typografie in erster Linie Visualisierung von Sprache bedeutet und nicht einfach ästhetisierendes Hin- und Herschieben von Textblöcken, Titelzeilen und Abbildungen.«

Deine ganz besondere Fähigkeit ist es, das Lesen nicht nur mit Leserlichkeit zu befördern. Sondern dem Inhalt mit Deiner gestalterischen Interpretation eine neue Dimension zu verschaffen. Dazu passt ein Zitat von Richard Buchanan, das mir die letzten Tage untergekommen ist: »Design ist eine Disziplin des Denkens, die sich die Überzeugungskraft von Objekten zunutzen macht, um praktisches Handeln zu beeinflussen. Deshalb geht es im Design stets auch um den lebendigen Ausdruck konkurrierender Vorstellungen über das soziale Leben.«

Lieber Jost, dafür bewundere ich Dich: nicht loszulassen auf dem Weg zur Balance, zum Gesamten. Mit der allergrößten Gelassenheit frech zu sein … lächelnd. Du bist nicht aufzuhalten, Du einzigartiger Wanderer. Gerade auch, weil Dein Denken immer diesen einen Schritt mehr macht – Zitat: »Große Entwicklungen soll man begrüßen, aber sie sind zu verbessern.«

Ich danke Dir!

 

Fundstück der Woche
 

Video A

 

Manchmal hilft es, die Dinge auf den Kopf zu stellen: So zum Beispiel, wenn es um die Überprüfung eines Fließtextes in einem Buch oder einer Zeitschrift geht. Ob der Text gut fließt, ob er ausgeglichen und ohne Löcher funktioniert, lässt sich am besten kontrollieren, wenn es keinerlei Versuchung gibt, an einzelnen Buchstaben oder gar Wörtern hängen zu bleiben. Beim Bubbles-Projekt von Crictor geht es hingegen eher um die Mechanik – und die Neuinterpretation des schönen Satzes: Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.


 
 
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In der 8daw-Ausgabe BETA #13 vom 24. Juli 2020 haben wir uns unter anderem mit dem Thema geschlechter­spezifische Schreib­weise beschäftigt. Im Ergebnis fanden wir die Empfehlung eines Lesers für uns am geeignetsten: »Der Mittel­punkt (MacOS: Shift+Alt+9; Windows: Alt+0183) wird eingesetzt wie der Asterisk *, stört jedoch deutlich weniger den Lese­fluss der Leser·innen, weil er nicht nach Fußnoten ruft und auch keine Text­lücken reißt wie der Gender_Gap. Im Hinblick auf Lesbarkeit und Typografie­qualität also eine bessere Alter­native, und inhaltlich – als Multiplikationszeichen verstanden – treffend. Oder?« Wir stellen unseren Autor·innen jedoch frei, ob sie den Mittel­punkt oder eine andere Form benutzen. Alle personen­bezogenen Bezeichnungen sind jedenfalls geschlechts­neutral zu verstehen.


8daw ist der wöchentliche News­letter von Boris Kochan und Freunden zu Themen rund um den Wandel in Gesellschaft, Kultur und Politik, Unternehmen und Organisationen. Er erscheint in Verbindung mit Kochan & Partner und setzt so die lang­jährige Tradition der Netzwerk­pflege mit außer­gewöhnlichen Aus­sendungen in neuer Form fort. 8daw versteht sich als Community- und Kollaborations-Projekt insbesondere mit seinen Leser·innen – Kooperations­partner sind darüber hinaus zum Beispiel die GRANSHAN Foundation, die EDCH Foundation, der Deutsche Designtag (DT), der BDG Berufsverband der Deutschen Kommunikations­designer und die Typographische Gesellschaft München (tgm).

 

Herausgeber und Chefredakteur von 8daw sowie verantwortlich im Sinne des Presserechts ist Boris Kochan [bk], Steinerstraße 15c, 81369 München, boriskochan.com, zu erreichen unter boris.kochan@eightdaw.com oder +49 89 178 60-900 (facebooktwitterinstagram)
in Verbindung mit
Kochan & Partner GmbH, Steinerstraße 15c, 81369 München, news@kochan.de

Redaktion: Ulrich Müller [um] und Gabriele Werner [gw]; Chefin vom Dienst/Lektorat: Sigrun Borstelmann [sib]; Regelmäßige Autoren: Markus Greve [mg], Sandra Hachmann [sh], Herbert Lechner [hel], Martin Summ [mas]; Illustrationen: Martina Wember [mwe]; Bildredaktion, Photo-Editing: Pavlo Kochan [pk]; Homepage und Newsletter-Technik: Pavlo Kochan [pk]; Basisgestaltung: Michael Bundscherer [mib]; Schriften: Tablet Gothic von Veronika Burian und José Scaglione sowie Coranto 2 von Gerard Unger, beide zu beziehen über TypeTogether; Versand über Mailjet.


Bildnachweis:

Project Time Stretched: Anton Repponen
Bilder von der Tÿpo St. Gallen: Michi Bundscherer


Ausgabe: #119
Erschienen am: 3. Dezember 2023 [KW48]
Thema: Kontrollverlust


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