Die Muschel des Menschen

Sigrun Borstelmann im Gespräch mit Eileen Gray

Es sollte nur Fiktion sein, aber nun sehen wir uns tatsächlich in die Augen. Etwas müde wirkt sie, zerbrechlich, aber die Lederwülste des Bibendum, in dem sie sitzt, legen sich wie schützend um sie. Das Verwirrspiel, das Eileen Gray mit mir treibt, ist so skurril wie die Realität. Fast 100 Jahre hat sie gelebt, um für die Öffentlichkeit im Grunde tot zu sein, nicht wahrnehmbar … »Als Frau ohne männlichen Mentor in der Welt von Design und Architektur hat man mich einfach ignoriert.« Sie grübelt. »Und plötzlich wird dann mein Serpent-Sessel aus dem Besitz von Yves Saint Laurent für 21,9 Millionen Euro versteigert? Ganz offensichtlich wurde ich irgendwann als Designikone reanimiert«, es klingt ein wenig bitter. »Aber man muss all jenen dankbar sein, die sich die Mühe machen, uns auszugraben und zumindest einige unserer Werke zu erhalten.«

»Nun ist auch Ihre Villa E1027 wieder auferstanden, in der Sie sich so geborgen fühlten. Der perfekte Ort, um über die Zukunft der Sicherheit zu reden …«

»Ja, ein Haus ist keine Maschine, in der man lebt. Es ist so etwas wie eine Muschel des Menschen … Und wenn ich mich nun umschaue in der Gegenwart, so tut es Not, das zur Designmaxime zu machen. Ich habe zwei Weltkriege erlebt, sehr unsichere Zeiten. Und doch habe ich den Eindruck, dass die Menschen hier und heute ein viel größeres Unsicherheitsgefühl haben als damals. Es liegt wohl an der Enge, der ständigen Überreizung, einem Gefühl von Kontrollverlust …« Immer wieder legt sie lange Gesprächspausen ein.

»Doch je bedrohlicher die Außenwelt empfunden wird, desto wichtiger ist es, einen Gegenpol aufzubauen. Die Menschen brauchen einen Rückzugsort, der ihnen Vertrauen und Sicherheit vermittelt, und das muss die Maßgabe der Designer sein.« Ihr Blick schweift hinüber zu ihrem Adjustable Table E1027. »Dieser Tisch ist ein schönes Beispiel. Ich habe ihn damals für meine Schwester entworfen, weil sie das Frühstück im Bett so liebte. Man kann ihn in der Höhe verstellen, in jeder Position ideal platzieren und an einem Griff transportieren. Er ist eigentlich ein Prototyp für ein Möbel, das seine Schönheit aus der Funktion bezieht. Er ist genau so, wie er ist, weil er sich veränderlichen Lebenssituationen anpasst. Das ist – und das sage ich nicht zur Selbstvermarktung, darin bin ich ganz schlecht – aber das ist gutes Design. Davon wird man in Zukunft mehr brauchen. Dinge müssen sich den Menschen unterordnen, nicht umgekehrt.«

»Und diese Erkenntnis hatten Sie hellsichtigerweise schon vor langer Zeit«, werfe ich ein. »Wenn ich den Architekturkritiker Jean Badovici zitieren darf …« Sie zuckt kaum merklich zusammen, als ich ihren Lebensgefährten erwähne. »Eileen Gray steht im Zentrum der modernen Bewegung. Sie weiß, dass unsere Zeit mit ihren neuen Lebensmöglichkeiten neue Empfindungen erfordert. Also damals schon: neue Lebensmöglichkeiten, neue Empfindungen, neues Design? Inzwischen gibt es Smart Home – was sagen Sie zu einer Technologie, die uns die Möglichkeit gibt, unser Zuhause zu steuern und zu kontrollieren …«

»Ich finde sie interessant, ein echter Zugewinn an Sicherheit, solange wir sie kontrollieren und nicht umgekehrt. Als Designer muss ich stets die menschliche Erfahrung in den Mittelpunkt stellen, ich habe beispielsweise mein Haus wie einen lebenden Organismus entwickelt, mich in die Wirkung der Räume und Raumfolgen versetzt, um einen Rhythmus zu finden von Möglichkeiten der Entfaltung und der Erholung … Und diese Empathie als Eigenschaft von Designern wird immer wichtiger, also wenn sie etwa an der Entwicklung so einer Smart-Home-Applikationen mitwirken – dann müssen Sie vom Menschen ausgehen, damit die Maschine Vertrauen weckt.«

Beim Begriff Vertrauen wird sie nachdenklich – das betreffe natürlich auch ganz andere Bereiche noch. Und sie kommt auf ihre Experimente mit verschiedenen Materialien zu sprechen, bei denen sie sich die sehr schmerzhafte Lackkrankheit eingefangen hatte. »Heute gibt es so beneidenswert viele Möglichkeiten! Wenn ich alleine sehe, dass mein Lieblingstisch inzwischen auch in Schwarz produziert wird, wo ich mich auf Stahlrohr beschränken musste … Aber Designerinnen und Designer werden in Zukunft immer mehr die Verantwortung dafür übernehmen müssen, dass sie aus der Vielfalt der Möglichkeiten das auswählen, was schadlos für Mensch und Umwelt ist – selbst wenn es anders vielleicht billiger wäre. Hier muss man unseren Berufsstand in die Pflicht nehmen, wer, wenn nicht wir, sollte sonst darauf achten?«

»Miss Gray, vielen Dank für das Gespräch – Sie fehlen uns hier, dessen können Sie sicher sein!«